Links und RechtsWelchen politischen und gesellschaftlichen Ursprung haben die Begriffe „Links“ und „Rechts“? Auf welche Entwicklungen sind sie zurückzuführen? Sind sie auch heute noch gültig? Das Institut für Wertewirtschaft versucht in einer Analyse, diese Fragen zu beantworten.

Wer Leichen seziert, braucht ein scharfes Scalpell und einen guten Magen. Dies gilt zuweilen auch für Obduktionen philosophischer Natur. Denn was uns an besagten Begriffen wohl als erstes auffällt, ist ihr übler Geruch. Links und rechts - das sind ja leider auch die Worte des politischen Gesindels, das sich nur allzu gerne „engagiert“, das stiehlt, raubt, mordet, plündert und dann, wenn alle Hemmungen gefallen sind, in einen Blutrausch verfällt. Wer sich hier anschickt, das analytische Messer zu wetzen, dem dreht es in der Tat den Magen um, der braucht nicht nur einen Mundschutz und Leichenbergehandschule bis über die Ellbogen, sondern muss auch noch Trauerarbeit leisten, denn es fällt ihm das ganze Elend des 20. Jahrhunderts auf den Kopf. Damals - und die ältesten von uns haben es noch erlebt - wurden mehr als hundert Millionen Menschen aus ideologischen Gründen gefoltert und ermordet, die unzähligen Kriegstoten noch gar nicht eingerechnet.

Und heute? Im Grunde ist alles beim Alten. Alles ist ideologisch verseucht wie eh und je, doch mit dem Unterschied, dass die Reflexion mittlerweile deutlich nachgelassen hat. Den meisten hat es ihre politischen Ansprüche bereits ins Unbewusste verschlagen, so dass es ihnen egal ist, woher die Kohle kommt. Zudem haben sich die Bedeutungen, die den Begriffen links und rechts im Politischen zugeschrieben werden - und das macht es für den Forscher schwierig - über die Jahrhunderte mehrfach gedreht und dabei derart ineinander verschraubt, dass die Debatte weitaus komplizierter ist, als wohl die meisten ahnen. Jedenfalls wirkt das, was man heute so landläufig für links oder rechts hält, für den Kenner meist recht einfältig. In Wirklichkeit ist die Sache viel spannender und lehrreicher, als wir ursprünglich vermutet hatten, eine Grunddebatte mit Tiefgang, die auch in exquisiten Zirkeln und abseits des Mordgesindels stattfand. Hier wurden entscheidende Weichen gestellt, was aber nichts daran ändert, dass sie letztlich Millionen in den Tod führten.

Andererseits handelt es sich bei links und rechts auch um ganz allgemeine, scheinbar neutrale Begriffe, die wir tagtäglich verwenden. Sie sind der Ausdruck der transzendentalen Bedingung des Raumes, wie es Kant formulieren würde: Alles ist im Raum und nimmt selbst Raum ein. Alles hat einen Ort, an dem es sich befindet. Alles hat seinen Platz. Demnach kann alles auch links oder rechts gelegen sein. Unter Umständen hat es auch eine tiefere Bedeutung, ob sich etwas auf der linken oder rechten Seite befindet. Auch in ästhetischer Hinsicht ist es ja keineswegs egal, ob wir etwas links oder rechts plazieren. Die Bedeutung, die etwas für uns hat, wird maßgeblich auch von seiner Stellung im Raum bestimmt.

Derartige Überlegungen entfernen uns von der politischen Debatte und führen uns hin zum Symbolgehalt der Worte, konkret zum Studium alter Sitten und Bräuche, zur Vertiefung in Religionen und magische Schulen, bei denen die Begriffe links und rechts ebenso eine tiefere Bedeutung haben, ja es erstaunlicherweise ebenso linke wie rechte Traditionen gibt. Deren Geschichte ist mindestens genauso verworren wie die der modernen politischen Tradition. Und auch in diesem Bereich hat man sich schon seit Alters her zu Abertausenden verfolgt und massakriert. Es scheint ganz so, als ob es sich hier um ein uralten Lied handeln würde, das in unzähligen Variationen immer wieder und wieder gesungen werden muss.

Vielleicht ist links und rechts der Streitfall par excellence, gleichsam der Prototyp eines Streitfalls schlechthin oder dessen Archetypos, der sich wie einer Demarkationslinie durch die menschliche Geschichte zieht. Vielleicht muss schlichtweg alles, was gedacht werden kann, so wie auch jedes Ding im Raum, links oder rechts stehen. Für uns bleibt die Hoffnung, dass diese Debatte in einem philosophischen Überbau aufgehoben werden kann, der nicht nur mehr Licht auf die gesamte conditio humana wirft, sondern im Speziellen auch mehr Licht auf diese unseligen politischen Auseinandersetzungen wirft, die uns allen so unendlich auf die Nerven gehen.

Sprachliches

Bereits ein kurzer Blick auf die Etymologie und den allgemeinen Sprachgebrauch in der Gegenwart macht klar, dass es sich hier keineswegs um wertneutrale Begriffe handelt. Links hat seine Wurzel im Mittelhochdeutschen, wo linc so viel wie lahm bedeutet. Im heutigen Schwedisch (linka = hinken) zeigt sich dieser Wortgebrauch noch deutlich. Dasselbe Bild findet sich im Altenglischen (left = lahm, schwach). An diese Art der Verwendung schließt sich die deutsche Bildung linkisch aus dem 15. Jahrhundert an. Aus der Gaunersprache stammt die Verwendung von link im Sinne von schlecht, hinterhältig, fragwürdig, wie etwa in linke Geschäfte oder linker Vogel. Auch im Französischen kann gauche (links) weiters mit umständlich, unbeholfen, ungelenk bzw. schwankend übersetzt werden. Im Anschluss an gauche bezeichnet das Substantiv „linke Hand“ seit dem 19. Jhdt. auch die links vom Präsidenten sitzenden Parteien der Volksvertretung, da in der französischen Restaurationszeit die Gegner der Regierung ihre Plätze links vom Präsidenten einnahmen. Darauf beruht auch die Verwendung von links im Sinne von „zur Linken, zu einer sozialistischen oder kommunistischen Gruppierung gehörend“.

Eine ebenso ausschließlich negative Bedeutung findet sich in der Phrase mit dem linken Bein bzw. Fuß (zuerst) aufgestanden zu sein, was umgangssprachlich so viel wie schlecht gelaunt sein bedeutet. Diese Verwendung wurzelt in der althergebrachten Auffassung, dass die linke Seite die Unglücksseite ist: Wer mit dem linken, dem falschen Bein aufsteht, dem geht alles schief, dem droht Unheil. All das findet sich bereits im Lateinischen vorgebildet, wo sinister neben links auch noch folgende Bedeutungen hat: linkisch, ungeschickt, verkehrt, ungüngstig, unglücklich, unheilverkündend.

Rechts beruht auf der indogermanischen Wurzel reg = aufrichten, recken, gerade richten. Diese zeigt sich im altgriechischen oregein = recken, ausstrecken sowie in den lateinischen Begriffen rectus = gerade, geradlinig, richtig, recht, sittlich gut; regere = gerade richten, lenken, leiten, herrschen; regimen = Lenkung, Leitung (Regime und Regiment) und rex (Genitiv regis) = Lenker, Herrscher, König. Zur umfangreichen Fremdwortgruppe um regieren gehören unter anderem Regent, Regie, Rektor, direkt und korrekt.

Auch das gemeingermanische Adjektiv recht, aus dem unter anderem die Bildungen gerecht, richten, richtig und Gericht hervorgingen, hatte ursprünglich die Bedeutung von gerade, die sich im heutigen deutschen Sprachgebrauch noch in den mathematischen Ausdrücken rechter Winkel und Rechteck und in Zusammensetzungen wie senkrecht, waagrecht und aufrecht erhalten hat.

Aus diesem Wortgebrauch entwickelte sich die Verwendung von recht im Sinne von richtig und weiterhin im Sinne von den Gesetzen und Geboten entsprechend, sittlich gut. Von der Bedeutung richtig geht auch die Verwendung von recht als Gegenwort zu link aus, und zwar bezeichnete recht zunächst die rechte Hand, deren Gebrauch allgemein als richtig empfunden wird, während der Gebrauch der linken Hand als ungewöhnlich und nicht richtig angesehen wird.

Bemerkenswert ist die Substantivierung Rechte = rechte Hand. Weitere Zusammensetzungen mit recht sind unter anderem rechtfertigen („vom Verdacht befreien“), rechtgläubig, rechtschaffen, Rechtschreibung und das Recht.

Natürliches

Menschen sind Einhänder, das heißt sie benutzen für anspruchsvolle Aufgaben, wie etwa das Führen eines Schreibstifts, stets ihre dominante Hand. Auffällig ist dabei die klare Überrepräsentation der Rechtshändigkeit, die sich in allen gut untersuchbaren menschlichen Kulturen feststellen lässt. Der Anteil von Linkshändern in der europäischen Bevölkerung wird mit 10 bis 15 Prozent angegeben. Die Analyse archäologischer Funde, wie etwa die Untersuchung von Werkzeugen auf Abnutzungsspuren, legt nahe, dass bereits die Neandertaler überwiegend rechtshändig waren. Dies deutet auf biologische Gründe hin. Die Vorteile mehrheitlicher Rechtshändigkeit sind weitgehend unklar.

Tieren, wie etwa Ratten, Katzen oder Affen, verwenden zur Durchführung von anspruchsvollen Aufgaben ebenso nur eines ihrer Gliedmaßen. Bei Tieren sind „Rechts- und Linkshänder“ jedoch etwa zu gleichen Teilen vertreten. Menschenaffen zeigen, ähnlich wie der Mensch selbst, bei einfachen Aufgaben noch keine ausgeprägte Händigkeit. Werden die Aufgaben, die zu bewältigen sind, jedoch komplexer, so kommt es auch bei ihnen zu einer klaren Rollenverteilung zwischen den Händen.

Biologen gehen heute davon aus, dass in den meisten Fällen die linke Hirnhälfte - der das logische Denken zugeschrieben wird - für die motorische Steuerung der rechten Körperseite und die rechte Hirnhälfte - in der man den Sitz der Gefühle und Empfindungen vermutet - für die linke Körperseite zuständig ist. Als dominante Hirnhälfte wird diejenige bezeichnet, in der sich die Sprachverarbeitung befindet. Bei fast allen Rechtshändern befindet sich das Sprachzentrum links. Bei der Mehrzahl der Linkshänder befindet sich das Sprachzentrum jedoch ebenso links, das heißt bei der Mehrheit der Linkshänder liegt die Steuerung der dominanten Hand und die Sprachverarbeitung in unterschiedlichen Hirnhälften, angeblich ohne dass dadurch nennenswerte Nachteile entstehen.

Künstliches

In der Malerei, konkret auf der bemalten Leinwand, ist, was die Blickrichtung betrifft, stets eine gewisse Linkstendenz zu bemerken. Werden etwa Personen gemalt, die anderen Personen gegenüberstehen, so ist deren Blick meist auf die rechte Hand ihres Gegenübers gerichtet. Ihr Kopf ist demnach leicht nach links gewendet. Auch beim Portrait überwiegt der Brauch, den Kopf in einer leichten Linksdrehung darzustellen. Damit zusammenhängend läuft die Erzählrichtung eines Bildes von links nach rechts. Dadurch wird der Blick auf das Bild ein zirkulärer, in Ellipsen kreisender Prozess: Er beginnt links, wandert nach rechts, wandert nach links zurück, wandert wieder nach rechts und so fort. Unterstützt wird dies dadurch, dass der Breitenbereich des linken Auges um etwa 15 bis 20 Prozent größer ist als der des rechten. Dafür kann das rechte Auge besser fokussieren. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Beobachtung, dass man um einen Baum in der Regel links herumgeht, zumindest viel öfters als rechts herum. Vielleicht ist dies deshalb so, damit im Falle eines unvermuteten Angriffs - es könnte sich ja jemand hinter dem Baum versteckt haben - die rechte Hand optimal zur Verteidigung bereitsteht.

In der frühen Plastik, konkret bei den ägyptischen wie den älteren griechischen Figuren (kuroi), die im so genannten strengen Stil gefertigt sind und dadurch statisch und symbolistisch wirken - oft sind sie an eine Wand oder an eine Steinplatte gelehnt, wie wenn man sie dadurch aufrichten und in die Vertikale bringen wollte - steht das rechte Bein meist gerade und still, während das linke einen eher zaghaften, formal wirkenden Schritt nach vorne macht. Ganz anders stellt sich die Bewegung in der späteren griechischen Plastik dar, die man heute zur Klassik zählt. Dort bewegen sich die Figuren frei im Raum. Hier ist auch meist das linke Bein als das Standbein fest im Boden verankert, während das recht, das Spielbein, frei beweglich bleibt. Der in Wien lebende Maler Leander Kaiser gibt dazu einen wertvollen Hinweis. Er meint, dass man Folgendes zu bedenken hätte: Die ägyptischen Figuren wie die griechischen kuroi - die nicht als Kunstwerke für ein Publikum geschaffen wurden, sondern als Verkörperung göttlicher Wesen galten und in der Folge auch kultisch verehrt wurden - stehen uns eigentlich gar nicht gegenüber. Sie stehen für sich selbst. Denn sie sind in Wirklichkeit lebendig bzw. werden im Rahmen der damals zum Kult und zur Religion gehörigen Kunst als etwas Lebendiges betrachtet. Jedenfalls sind sie keine Repräsentationsmodelle, kein Objekte der Anschauung und des Studiums, wie etwa der Diskuswerfer des Myron. Der Betracher, der sich bei letzterem klar als Betrachter eines Objekts, das heißt in seiner Differenz erkennt, konnte zur Frühzeit der griechischen Plastik, der Zeit der kuroi, diese Differenz noch nicht vollziehen. Deshalb spräche, so Leander Kaiser, vieles dafür, dass sich bei den älteren Figuren das Standbein ebenso auf der linken Seite befindet, aber eben nicht von der Warte des Publikums aus, sondern von der Innensicht der Figur selbst her.

Gleiches gilt auch für die klassischen Darstellungen des meditierenden Buddha. Was man als Zeitgenosse sieht, ist dass seine linke Hand zum Himmel zeigt, während sich seine rechte, abwärtsgerichtet, zur Erde hin öffnet. Aber so sieht es freilich nur für uns Heutige aus. Dies widerspräche auch allen religiösen wie magisch-mystischen Traditionen. In Wirklichkeit ist es umgekehrt: Die linke Hand ist zur Erde gerichtet und die rechte weist in den Himmel. Buddha selbst sitzt träumend in der Mitte (und ist definitiv kein Kunstgegenstand).

 

Das ist der erste Teil einer Analyse, die von uns beim Institut für Wertewirtschaft (Rahim Taghizadegan und Eugen Maria Schulak) in Auftrag gegeben wurde. Die Fortsetzung lesen Sie in den nächsten Ausgaben des „Echos“.

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