Ingeborg KnaippAntonio Gramsci, dem Journalisten, Schriftsteller, Philosophen und Begründer der italienischen KP, verdanken wir den Begriff der „Kulturellen Hegemonie“ Ihr Gewinn schafft nach Gramsci erst die Möglichkeit von politischer Herrschaft, ihr Verlust untergräbt die herrschende Macht. Dabei reicht die kulturelle Hegemonie nach Gramsci bis in Formen der Alltagskultur und der Folklore hinein, sie betrifft nicht nur die Hochkultur, sondern sie umfaßt die ganze Lebensauffassung oder Lebensweise der Bürger.

„Das hauptsächliche Prinzip des Gramscismus ist das des Stellungskrieges, das Antonio Gramsci merkwürdigerweise von Karl Kautsky (...) entlehnt, der seine „Ermattungsstrategie“ der „Niederwerfungsstrategie“ Rosa Luxemburgs gegenübergestellt hatte. Denn, so Gramsci, gegen das bourgeoise System, dessen Kraft auf der Zustimmung der Zivilgesellschaft beruht, (...) wäre es nicht klug, durch unüberlegte Aktionen – etwa Revolutionen – überstürzt zu handeln. Vielmehr sei eine langangelegte und umfassende Propagandakampagne zu führen, die schwerpunktmäßig auf Intellektuelle ausgerichtet ist, um bei diesen den Zweifel hinsichtlich der Daseinsberechtigung der bestehenden Ordnung zu nähren und ihnen gleichzeitig die Grundgedanken einer neuen hegemonial werdenden Kultur einzupflanzen. Der Gramscismus versucht folglich, die gesellschaftlichen Eliten aller Ebenen, die die bestehende Kultur stützen, zu verunsichern und zu destabilisieren, indem sie ihre Moral erschüttert und so die strukturellen Verbote der Gesellschaft ins Wanken bringt. Der oben genannte „Stellungskrieg“ besteht nun darin, das zu zerstören, was von „bürgerlichen Vorurteilen“, etwa dem Patriotismus oder dem Respekt innerhalb der Familie, noch übriggeblieben ist. Ziel ist es, ein Klima des schlechten Gewissens bezüglich der Vergangenheit zu erzeugen (die Herrschaft auf dem Gebiet der Geschichte ist hier entscheidend), die Individuen von jeder Unterordnung in eine traditionelle Ordnung zu lösen, den praktischen Atheismus zu einem allgemeinen Phänomen zu machen. Anders ausgedrückt: er besteht darin, einen Prozeß der kulturellen Subversion in Gang zu bringen.“ (1)

Taktik des kulturellen Stellungskrieges ist die Erzeugung von Konsens: Die Untertanen sollen nicht gezwungen werden, der heterosexuellen Familie, der Nation, der Heimat, der (wirtschaftlichen) Freiheit abzuschwören, sie sollen es selbst wollen und gutheißen. Das Feld der Kultur ist zur Erzeugung einer derartigen Übereinstimmung hervorragend geeignet, da die Kulturpolitik anders als die Wirtschaftspolitik oder die Außenpolitik nicht daran gebunden ist, sich auch ökonomisch oder im Rahmen von Sachzwängen zu bewähren: Anders als in der Ökonomie wird eine Ideologie, die z.B. die Wirtschaftspolitik des Kommunismus zum Scheitern führte, in der Kultur nicht an Mißerfolgen gemessen werden können, sondern man wird Mißerfolg, etwa einen Mangel an Publikumsinteresse, mit der mangelnden Reife des Publikums erklären können und daher mehr vom selben anwenden.

Die Tragödie der Kultur

Es ist eine Tragödie, daß die Privatheit der Kulturproduktion und des Kulturkonsums gegen die Ausübung der Zensur, gegen politische und ökonomische Zwänge im 19. Jahrhundert erobert und durchgesetzt werden mußte, nur um im 20. Jahrhundert erneut unter politische Herrschaft zu geraten. Die steigenden Zwangsregulierungen des Bildungssystems, die Meinungsbildung durch öffentliche Medien, die ideologische Abhängigkeit der Entscheidungsträger in diesem Bereich - Lehrer, Hochschullehrer, Journalisten, Kabarettisten, Schriftsteller, Künstler, Philosophen etc. sind offensichtliche Einbruchsfelder des Staates, der Öffentlichkeit ins Privatleben. Das ehedem private Kulturelle wird mehr und mehr zum entscheidenden Herrschaftsraum der politischen Entscheidungen.

(1) Bernhard Dumont, „Kulturelle Hegemonie, in JUNGE FREIHEIT 15/98 03. April 1998

 

Ingeborg Knaipp ist bildende Künstlerin in Wien. Nach ihrer Tätigkeit im Rahmen einer Lehrredaktion für die Tageszeitung „Die Presse“ studierte sie Malerei und Graphik (Universität für angewandte Kunst) sowie Germanistik und Kunstgeschichte (Universität Wien). Sieben Jahre wirkte sie als Vorstandsmitglied eines linksorientierten feministischen Künstlerinnennetzwerks, dessen Treffpunkt sich im von der Stadt Wien finanzierten, linksextremen Wiener WUK („Werkstätten- und Kulturzentrum“) befindet. Diese und andere, persönliche Erfahrungen mit den realsozialistischen Lebensbedingungen in der Stadt Wien führten zu einer Präzisierung ihres immer schon libertären Weltbildes. Mehr unter www.knaipp.com

Go to Top
Template by JoomlaShine