Als Gregor Samsic eines morgens aus unruhigem Schlaf erwachte, fand er sich völlig erschöpft und, wie letzthin immer häufiger, in elender Stimmung.

Ein Gefühl tiefer Antriebslosigkeit umschloß ihn geradezu wie ein Panzer und hinderte ihn das Bett zu verlassen. „Welch jämmerlichen Beruf habe ich,“ murmelte er, „menschenunwürdig Tag für Tag dafür so früh und noch so müde aufstehen zu müssen!“ Sollte er also zu dem Buchladen aufbrechen, in welchem er seit kurzem werkte?

 

Freilich, seine Tätigkeit hatte ihm anfangs gefallen. Der Geruch neuer Bücher hatte ihn fasziniert, besonders wenn er Lieferungen auspacken durfte. Auch hatte er sich sehr bemüht Kunden durch anregendes Plaudern über Wetter und Politik in Kauflaune zu versetzen. Jedoch begann er bald unter der zunehmenden Verständnislosigkeit seines Chefs zu leiden, dem er nichts recht machen konnte. Bald kritisierte dieser Pedant Rechtschreibfehler, die Samsic bei Bestellungen passiert waren, bald Rechenfehler zu Ungunsten des Ladens, bald gebärdete er sich geradezu hysterisch, wenn Samsic Bücher höchst dekorativ – etwa nach Farben geordnet - arrangierte. Der Gipfel der Niedertracht war aber gestern erreicht, als der Chef ihm mit der Kündigung drohte, würde er nicht – wenn er schon zu nichts anderem tauge – wenigstens einige der ausgestellten Bücher lesen um Fragen von Kunden beantworten zu können. Wohlgemerkt, in seiner Freizeit lesen, ohne Abgeltung von Überstunden! Unverständnis und Herzlosigkeit des Chefs wirkten zerstörerisch auf Samsic’s Gemüt und körperliche Verfassung. Man ließ ihm keinen Entscheidungsspielraum, keine Erfolgserlebnisse, er wurde statt dessen nur kritisiert oder bestenfalls ignoriert. Sein Puls raste, wenn er an den Chef dachte, sein Blutdruck stieg, sein Magen krampfte und - obgleich mit 35 Jahren ein noch junger Mann – fühlte er sich am Ende seiner Leistungsfähigkeit angelangt und begann an sich selbst zu zweifeln.

„Aus,“ stöhnte er „ich kann und will nicht mehr - ich werde den Laden nicht mehr betreten!“ Mit diesem Entschluß verließ er das Bett und wankte zu einem Arzt, einem Spezialisten, den ihm ein an ähnlichen Symptomen laborierender Freund zwecks Krankschreibung empfohlen hatte.

Samsic brauchte seinen Zustand nicht erst lange zu schildern. „Ein glasklarer Fall von emotionaler Erschöpfung“, rief der Arzt „auch Burnout genannt“ Er seufzte und fuhr dozierend fort: „Burnout definieren wir als eine auf den Beruf bezogene emotionale Erschöpfung, die mit negativen Einstellungen zum Beruf bzw. zu den Inhalten oder den Mitteln des Berufs einhergeht. Hinzu kommt ein erheblich reduziertes Selbstwertgefühl in Bezug auf die eigene berufsbezogene Leistungsfähigkeit“ [1]. Es ist eine entsetzliche Epidemie, wird ein Arbeitnehmer von ihr befallen, infiziert er weitere in seinem Umkreis, vor allem in staatsnahen Betrieben! Zugegebenermaßen ist die Diagnostik noch recht diffus, doch schätzen wir, daß rund elf Prozent unserer Bevölkerung bereits unter Burnout leiden. Aktuell ist dies der häufigste Grund für Krankenstände, irreparable Fälle bilden die größte Gruppe der Frühpensionen (und kosten der Volkswirtschaft jährlich mehrere Milliarden €).“

Samsic unterbrach: „So viele irreparable Fälle? Heißt dies, daß nur geringe Chancen auf Heilung bestehen?“

„Nun, mein Bester,“ antwortete der Arzt „komplexe Krankheiten erfordern komplexe Therapien - machen Sie sich also auf jahrelange Behandlung gefasst. Keine Angst – es kostet Sie nichts! Für Sie maßgeschneiderte Elemente von Coaching, Soziotherapie, Psychotherapie und natürlich Psychopharmakatherapie sollen zur umfassenden Lebensumgestaltung führen, in dem das Erholungsverhalten – nicht bloß herkömmliches Urlaubs-Konsumieren - eine entscheidende Rolle spielen muß. Natürlich gibt es auch dann keine Garantie, dass damit Ihre Phobie gegen eine Rückkehr in die Arbeitswelt geheilt ist. Im Fall eines chronischen Arbeitsabstinenz Syndroms gehören Sie aber zu den vielen irreparablen Fällen, denen wir bis dato erfolgreich zur Erlangung der Invaliditätspension verholfen haben.“

Diese letzten tröstenden Worte zauberten ein Lächeln auf Samic’s Gesicht.

 

[1] (http://www.business-doctors.at/images_dokumente/Burnoutstudie%20Short%20Summary%202.pdf)

 

Inge Schuster

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